Jede Religion braucht Kritik

Main Echo

Interview mit Dr. Heinz Linduschka für das Main-Echo, 10. 2. 2022
zu meinem Vortrag im Martinusforum, Miltenberg am 21.2.2022

"Humor ist nicht so harmlos. Es geht nicht darum, über Missstände einfach hinwegzulachen. Humor zielt immer auf Veränderung, es ist eine subversive Kraft."

Was sagen Sie zur Meinung von katholischen Besuchern Ihres Programms: »Die derzeitige Situation der Amtskirche ist tatsächlich nur noch mit Humor, manchmal auch nur noch mit Clownerie zu überstehen.«
Da sage ich doch tatsächlich: Nein, eigentlich nicht! Das könnte ein Missverständnis von Humor sein. Der so mal eben dahingesagte Satz oder auch die Aufforderung »Ach, reg dich nicht auf, nimm's doch mit
Humor!« wird meist als Beschwichtigung eingesetzt. Man solle sich beruhigen, etwas nicht so ernst nehmen, einfach darüber lachen, dann werde es schon leichter. Dahinter verbirgt sich die Haltung, dass man ja sowieso nichts ändern könne.
Aber Humor ist wesentlich weniger harmlos, als man meinen könnte. Humor ist eine Haltung, die den misslichen Situationen im Leben, Missgeschicken, Fehlern oder gar dem Scheitern durchaus versucht, neue Seiten abzugewinnen. Aber mit Humor tue ich das nicht, um diese besser zu ertragen, sondern um sie selbstständig umzudeuten und zu verändern. Insofern ist Humor immer auch subversiv.
Anders gesagt, wer mit Humor auf diese Amtskirche und die aktuellen Enthüllungen schaut, nimmt sich eine kritische eigene Meinung heraus und hat gar noch einen kreativen Einfall für einen originellen Witz. Humor zu haben, bedeutet, die Deutungshoheit nicht anderen, und seien es auch religiöse Autoritäten, zu überlassen, sondern eigene Meinungen und Perspektiven ins Spiel zu bringen.
Das Theater allgemein und besonders das Clowntheater nimmt sich das Recht heraus, auf diese Art humorvoll mit den politischen oder kirchlichen Verhältnissen umzugehen. Sie werden also ernst genommen, indem man sich intensiv damit auseinandersetzt so lange, bis dann ein Stück entstanden ist, das auch aufgeführt werden kann. Das Besondere aber ist, dass die Verhältnisse ernst, aber nicht zu ernst genommen werden. Zwischen dem Ernst und dem Zuernst entsteht so ein Spielraum – für Alternativen im Denken und im Handeln.

Welche Rolle spielt für Sie in Fragen der Religion der Humor? Welche Rolle spielen vielleicht auch Übertreibung und manchmal skurrile Überzeichnung?
Jede Religion braucht Religionskritik, denn sie steht immer in der Gefahr, Erkenntnisse und Glaubensinhalte absolut zu setzen oder sie der Kritik zu entziehen. Das geschieht auch dadurch, dass bestimmte Dinge der Kritik völlig enthoben werden, etwa indem sie als heilig bezeichnet werden. Dabei habe ich gar nichts einzuwenden gegen das sogenannte Heilige. Aber es beruht meines Erachtens auf den gemeinsamen
Erfahrungen der Gläubigen, was als heilig bezeichnet wird und was nicht. Es sollte immer wieder neu erlebbar und aushandelbar sein.
Und da kommt der Humor ins Spiel. Humor zu haben, heißt auch, Positionen zu relativieren. Humor lebt davon, dass die Dinge immer auch von einer anderen Seite betrachtet werden können. Sonst könnte ja kein einziger Witz entstehen. Humor ist also dialogisch, nicht monologisch. Humor ist nicht dogmatisch, sondern multiperspektivisch.
Auf Religionen bezogen, bewahrt der Humor vor Fanatismus und ist daher unbedingt notwendig für jede Religion. Ich kann es auch noch einmal anders sagen:
Das Gegenteil von Humor ist nicht der Ernst, sondern der Fundamentalismus.

Welche Reaktion nach Ihrem Programm hat Sie am meisten überrascht, gefreut oder auch geärgert?
Ich spiele hauptsächlich in Kirchengemeinden, bei Tagungen oder thematischen Zusammenkünften kirchlicher Organisationen, bei Kirchen- und Katholikentagungen und ich habe eher erlebt, dass ich dem Publikum zu
harmlos war, als dass es sich empört hätte. Das liegt vermutlich an der Clownerie, die anders als das Kabarett die Lacher auf sich selbst zieht.
In meiner Rolle der »Frau Seibold« bin ich selbst unsicher, naiv
oder peinlich. Ich stelle merkwürdige Fragen, etwa danach, wo Gott jetzt eigentlich wohnt. Und dann suche ich jeden Winkel der Kirche ab. Oder ich wundere mich bei einem ökumenischen Gottesdienst, dass es da jetzt keinen Wein gibt. Als evangelische Gemeindefrau kenne ich das nicht und beginne auch da zu suchen. Dass ich dann tatsächlich als einzige in meiner Rolle Wein trinke, haben viele als visionär, manche
sogar als prophetisch bezeichnet. Ein paar hat es auch aufgeregt, zugegeben.
Ich finde, Humor zu haben und ein gläubiger Mensch zu sein, das hat sehr viel miteinander zu tun. Darüber werde ich in meinem Vortrag sprechen. Es geht dabei ums Vertrauen – dass noch Veränderungen möglich sind, dass wir dazulernen können, dass wir menschlicher sein können. Und dass es sehr hilfreich und befreiend sein kann, über sich selbst zu lachen.

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